Am 26. April 1986 explodierte das Restrisiko der Atomtechnologie. Es war nicht nur der GAU für die Menschen in der Ukraine und Weißrussland, deren Gesundheit und Lebenswelt zerstört wurden. Es war auch der GAU für jenen Machbarkeitswahn, der die Risiken der Atomenergie immer wieder herunter geredet und geleugnet hatte- bis die Strahlenwolke von Tschernobyl Europa überzog. 20 Jahre später ist das Thema Atomkraft noch nicht vom Tisch. Neue Mythen kursieren: Der Mythos einer Renaissance der Atomenergie und der Mythos von sicheren Atomkraftwerken. Solche Mythen sind gefährlich, sie verstellen den Blick auf die Wirklichkeit. Wir brauchen eine Welt ohne Atomkraft. Wir müssen all unser Know-how und unsere Kreativität in alternative Energien und den endgültigen Ausstieg aus der Atomkraft stecken. Die endlose Katastrophe von Tschernobyl muss uns antreiben, das Mögliche Realität werden zu lassen.
Atomkraft - Nein danke! Nie wieder Tschernobyl!
Zum 20. Jahrestag der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl gibt es eine Vielzahl von Veranstaltungen.
Besonders wichtig ist die Großdemonstration am Atomkraftwerk Biblis am Samstag, 29. April 2006.
Nähere Informationen dazu gibt es unter Aktuelles und unter:
Umfangreiche Informationen bietet die grüne Bundestagsfraktion in einem Themenspecial an:
Anlaesslich des 20. Jahrestages der Katastrophe von Tschernobyl hat die
gruene Bundestagsfraktion ein Themenspecial zusammengestellt. Mit
Hintergrundinfos, O-Toenen, Interviews und vielem mehr...
http://www.gruene-bundestag.de/cms/energie_klima/rubrik/7/7376.ts_tschernobyl.htm
Wichtig ist es, die Erinnerungen an Tschernobyl wachzuhalten und die unkalkulierbaren Gefahren der Atomenergie immer wieder zu verdeutlichen. Wir haben Mitglieder der Grünen & GAL in Weinheim gebeten, uns von ihren Erinnerungen an den 26. April 1986 zu berichten.
Weinheimer GRÜNE und GALier/innen erinnern sich an den 26. April 2006
Alex Boguslawski
Am 26. April 1986 war ich allein zu Hause. Meine Frau und meine beiden kleinen Kinder waren zu einer ?Mutter-und-Kind-Kur? auf die Insel Borkum gefahren. In der frischen Seeluft sollten die beiden Kleinen ihre Abwehrkräfte stärken und ihre Erkältungsanfälligkeit reduzieren.
Ich habe den 26.4.86 als einen sonnigen Tag in Erinnerung, und mein erster Gedanke, als ich von dem Unglück in Tschernobyl hörte, war wohl, gottseidank sind die anderen weit weg auf einer Nordseeinsel. Der zweite Gedanke an diesem Tag galt der Wetterkarte und der mutmaßlichen Flugbahn der radioaktiven Wolke. Wenn ich mich recht erinnere, zog die Wolke aus der Ukraine nach Südwesten, und zu mindest im nachhinein glaube ich beruhigt gewesen zu sein, dass sie meiner Familie auf Borkum nichts anhaben konnte.
In späteren Jahren hat mich eine Kleinigkeit immer wieder geärgert. Es hieß, Blaubeeren in unseren Wäldern seien wegen Tschernobyl auf unabsehbare Zeit verstrahlt. Ich habe immer gern Blaubeeren im Wald gesammelt. Wenn man die Hand zu einem Rechen krümmte, konnte man von unten leicht durch die Blaubeerbüsche fahren und eine Handvoll Beeren abstreifen. Direkt verspeist schmeckten sie köstlich.
Seit Tschernobyl habe ich nie mehr Blaubeeren gesammelt, und meine Kinder haben das nie von mir gelernt.
Doris Jochim:
"Direkt an diesen Tag habe ich keine Erinnerung, da ich über die Presse nichts mit bekam, Allerdings erinnere ich mich bei der 1. Mai Veranstaltung in Mannheim und bei der anschließenden Veranstaltung im Herzogenriedpark bei herrlichem Wetter gewesen zu sein.Am Abend habe ich dann in den Nachrichten erstmals über den Super-Gau gehört. Danach kamen die Betroffenheit und hilflose Handlungen, wie Schuhe ausziehen bevor man in die Wohnung ging, sich zu fragen, was essen wir denn noch, in welchem Gemüse sind die größten Ablagerungen. Und dann die Bilder in den Medien."
Elisabeth Kramer
Wann ich genau über das Unglück in Tschernobyl erfahren habe, weiß ich nicht
mehr. Ich weiß nur, dass direkt im Anschluss daran die Zusammenstellung von
Informationen, ihre Weitergabe und die Beantwortung von Fragen zum sowieso
schon vollen Tagesablauf dazukam. Meine damals 9jährige Tochter reagierte
ziemlich genervt auf die vielen Telefonate, mit der bestehenden Gefährdung
wollte ich sie nicht zu sehr belasten. Es galt abzuwägen: was ist zwingend
notwendig? Dazu zählte für uns der Austausch von Sand auf den Spielplätzen,
die Warnung vor Blattsalat und anderen Sammlern von Radioaktivität sowie
natürlich die Forderung nach aktuellen Messergebnissen. Im Gemeinderat
musste das auch zum Thema werden, das fiel uns als junger Fraktion noch sehr
schwer. Aber ich habe auch bei Überreaktionen beruhigen müssen: Gar kein
frisches Gemüse zu essen, das fand ich auch wieder bedenklich. Ich als
Naturwissenschaftlerin wollte ja schließlich keine Panik verbreiten.
Bemerkenswert waren die Telefonate nach Frankreich, wo mein Mann unterwegs
war: Dort gab es überhaupt keinen Grund zur Beunruhigung! Regierung und
Presse konnten der Öffentlichkeit offensichtlich weismachen, dass die
radioaktive Wolke an der deutsch-französichen Grenze haltgemacht hat. Erst
als er hier ankam, wurde auch ihm das Ausmaß der Katastrophe klar.
Fassungslos mussten wir dann mitverfolgen, wie auf die zeitweise
übersteuerte Panik eine üble Schönfärberei folgte, die noch immer andauert:
Immer noch glauben Menschen ernsthaft, die Atomkraft zur Lösung unserer
Energieprobleme einsetzen zu dürfen. Dabei hätten schon Hiroshima und
Nagasaki uns lehren müssen, wie gefährlich diese an sich faszinierende
Technik ist. Jedenfalls zu problematisch, als dass der Mensch sie auf Dauer
sicher beherrschen kann. Zumal unsere Nachfahren in 10 000den von Jahren
noch unsere strahlenden Abfälle bewachen müssen.
Andreas Marg
Eigentlich wollte ich keine Erinnerungen an Tschernobyl aufschreiben,
weil, es weiß doch eh jeder, wie gefährlich die Kernenergie sein kann.
Aber dann kam meine Tochter Inge zu Besuch und wir, die ganze Familie,
diskutierten darüber und erinnerten uns.
Der Tag, an dem der GAU in Tschernobyl geschah, war bei uns ein sonniger
heiterer Tag. Mit der damals 6-jährigen Inge hatten wir ihn draußen bei
einer Wanderung verbracht. Als wir abends in den Nachrichten die
Meldungen hörten, dachten wir an die armen Menschen und Tiere dort. Hier
war ja alles gut und in Ordnung. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass
sich in wenigen Tagen die radioaktiven Teilchen über den halben Erdball
und auch bei uns verteilen würden.
Am nächsten Tag die Nachrichten, dass in Bayern und im Süden
Baden-Württembergs erhöhte Strahlenwerte gemessen worden waren. Erst
wollte ich es nicht glauben, dass wir so direkt betroffen sein sollten.
Dann kam die Angst. Existenzielle Angst.
Das Wetter war auch die nächsten Tage frühlingshaft schön und mild. Aber
genießen konnten wir es nicht. Die Außenluft war zu unserem Feind
geworden, der Sandkasten zu einer Gefahr für das Kind. Das radioaktive
Jod verbreitete sich unsichtbar und unmerklich um uns herum. Die einzige
Messgröße, die uns noch interessierte, waren nicht Temperaturen sondern
Bequerel. Wir stellten uns vor, wie wir die Radioaktivität als das
kurzlebige Jod 131 oder das langlebige Caesium von draußen über Schuhe
und Kleidung in unsere Wohnung tragen. Also kam die Wäsche beim
heimkommen in den Wäschekorb, die Schuhe wurden zum riesigen Ärger
unserer Vermieterin vor der Wohnungstür im Hausflur abgestellt. Bevor
frische Kleidung angezogen wurde, wurde geduscht. Die Fenster blieben
geschlossen. Es gab kein frisches Gemüse, vor allem keinen Blattsalat,
wir horteten Konserven von Gemüse und Früchten, die vor dem GAU geerntet
worden waren.
Wie weit diese Maßnahmen tatsächlich unserem Schutz zumindest gegen das
kurzlebige Jod 131 nützten wissen wir nicht genau. Wir machten aber
eindringlich die Erfahrung des Ausgeliefertseins an diese schlecht
abwehrbare Gefahr. Diese Erfahrung hat uns nachhaltig geprägt. Ist ein
GAU erst passiert, sind die Folgen nicht einzugrenzen. Und ein weiterer
GAU wird passieren, irgendwann, das kann in 100 Jahren oder schon morgen
sein. Wir wissen, dass wir mit vielerlei Gefahren leben, das ist normal.
Aber jetzt wieder - ohne Not - über eine erweiterte Nutzung von
Kernkraft zu diskutieren ist nicht nur rational unvernünftig. In
Erinnerung dieser Erfahrung mit Tschernobyl empfinden wir es schlichtweg
als unanständig.
Dorothea Meuren
Die Tage um den 26. April 1986 habe ich rückblickend als sehr stressig und einsam in Erinnerung. Ich steckte nämlich gerade mitten in meiner Soziologieprüfung (auf 15 Prüfungsthemen hatte ich mich vorzubereiten; 5 davon waren Klausurarbeiten, die restlichen 10 Fächer für die mündliche Abschlussprüfung!). Ich habe damals wenig von allem, was um mich herum passierte, mitgekriegt. Erst Tage, vielleicht sogar 1 bis 1 1/2 Wochen später, als ich die gesammelten Tageszeitungen etwas ausführlicher gelesen, täglich Radio- und Fernseh-Nachrichten gehört und gesehen sowie mit ein paar Leuten darüber gesprochen hatte, wurde mir allmählich das Ausmaß dieser furchtbaren Katastrophe bewusst.
An Seveso war ich in den 70er Jahren oft genug vorbeigefahren; diese Geisterstadt hatte ich damals sofort vor Augen, doch Tschernobyl war und ist ja in seinen Auswirkungen viel schrecklicher, bis heute.
Michael Peppel :
"Im April 86 war ich in Urlaub in Griechenland. Zuvor war mir gerade
meine Lebensabschnittspartnerin abhanden gekommen und ich war im
Begriff, mein bisheriges Leben in Erlangen aufzugeben und nach Weinheim
zu ziehen ( Okt. 86 ). Am 26.4. war ich gerade in Delphi. In normalen
griechischen Kneipen läuft eigentlich ständig der Fernseher, so auch an
diesem Tag. Ich beachtete den nicht weiter, bis mich andere Deutsche
darauf hinwiesen, dass in der Sowjetunion heute ein Kernkraftwerk
explodiert sei. Ich schaute auf den Bildschirm und sah dort ein völlig
ungriechisches Wort, das ich vorher noch nie gesehen hatte.
" TSERNOMPYL ".
Abends beim Essen traf ich auf eine Schulklasse eines altsprachlichen
Gymnasiums aus Frankfurt. Ich erzählte dem Lehrer beiläufig von dem
gerade explodierten Kernkraftwerk. Er fragte mich, woher ich das wüßte.
Ich sagte, es sei gerade in den Fernsehnachrichten gekommen. Darauf sah
er mich mit großen Augen an und fragte
"KÖNNEN SIE NEUGRIECHISCH ?".
Manche Leute leben eben in einer verklärten Vergangenheit, das ist ja
auch einfacher.
Ein Freund von mir, Oberarzt an der Universitätskinderklinik in
Frankfurt, ist vermutlich sogar ins Gebiet um Tschernobyl gefahren, um
dort verstrahlten Kindern zu helfen. Sein weiteres Schicksal hat mich
dann dazu bewogen, keine großen Zukunftspläne mehr zu machen und meine
Karriere zu beenden. Am Tag seiner Beerdigung ( 10.3.90 ) habe ich meine
Unterlagen für meine jetzige FH-Professur beglaubigen lassen und die
Option auf eine "echte" Uni-Professur aufgegeben."
Uli Sckerl:
"Ich erfuhr die Nachricht vom Super-Gau in Tschernobyl irgendwo auf einer Veranstaltung an der Bergstraße und brauchte meine Zeit um sie zu realisieren. Vor allem um zu begreifen: Das ist nicht irgendwo weit weg, das schwappt auch mitten in unser Leben in der beschaulichen Kurpfalz.
Die nächsten Tage waren von fieberhafter Hektik geprägt. Es blieb gar keine Zeit, mir Gedanken über persönliche Konsequenzen zu machen. Befreundete Paare und Familien planten Kurzreisen mit ihren Kindern in den Süden und waren wenige Tage später schon weg. Meine Tochter war noch nicht auf der Welt. Ich war weniger von den möglichen persönlichen Folgen der Reaktorkatastrophe denn von dem Wunsch getrieben, den Menschen konkret Hilfe und Informationen anzubieten.
Unsere Telefone glühten. Vor allem die wenigen grünen kommunalen RätInnen waren gefragt, weil die Menschen uns zutrauten, an Daten über die Strahlenbelastung in der Region heranzukommen und diese weiterzugeben: unbestechlich, objektiv, ohne etwas zu beschönigen.
Das erst vor kurzem in Betrieb gegangene grüne ?Regionalbüro Rhein-Neckar? wurde über Nacht einer der wichtigsten Informationsquellen und Ernährungsratgeber. Im ?kommunalen Ehrenamt? ging das nur mit unbezahltem Sonderurlaub. Wir holten uns tagsüber bei Mitarbeitern der Umweltbehörden Messdaten, werteten sie kurz aus und erstellten Tag für Tag punkt 18 Uhr aktuelle Messreihen für die gesamte Region. Internet war noch nicht, also wurden Infobriefe gedruckt und verteilt und zu mehreren 100 Exemplaren zum Postversand gebracht. Abend für Abend waren wir dann noch in proppevollen Sälen und verlasen die Becquerel-Werte von Salat und Gemüse. Nachdem um den 1. Mai 1986 herum kräftiger Regen die Böden und Natur zusätzlich belastet hatte, reagierte an den Küchentischen wochenlang der Atomstaat. In dieser Atmosphäre entstand ein starker Zusammenhalt und eine breite Solidarität: Aus dem sich ?Umeinander-Kümmern? wurde eine starke regionale Anti-AKW- Bewegung. Das hatte einen zusätzlichen Grund : Keine Region in Deutschland war (und ist) derart von Atomkraftwerken umzingelt: Biblis, Philippsburg, damals Obrigheim, Neckarwestheim."






